Den Fall einer „Zweier-Kandidatur“ gab es in Sachsen-Anhalt 1994, als Reinhard Höppner (SPD und Christoph Berger (CDU) zur Wahl zum Ministerpräsidenten antraten. In den ersten zwei Wahlgängen wurde keine erforderliche Mehrheit für einen Kandidaten erzielt und es kam zum dritten Wahlgang. Hier ging Reinhard Höppner als Sieger hervor und konnte als gewählter Ministerpräsident mit den GRÜNEN als Koalitionspartner eine von der PDS geduldete Minderheitsregierung auf den Weg bringen. Bekannt geworden unter dem Schlagwort „Magdeburger Modell“. Diese hielt die vierjährige Legislaturperiode durch, wurde damals allerdings wegen der Absprache mit der, aus der SED hervorgegangene PDS, zur Duldung der Minderheitsregierung heftig kritisiert. Vorrangig seitens der CDU / CSU, die sich damals das „Erblühen“ ostdeutscher Landschaften anders vorgestellt hatte.
Ein Model(l) macht Mode
Vom „Magdeburger Modell“ inspiriert sehen sich neben dem Politik-Model Sarah Wagenknecht auch die BSW CO-Vorsitzende Amira Mohamed Ali sowie die Co-Vorsitzende und Spitzenkandidatin des BSW Sachsen-Anhalt, Claudia Wittig. Zur Kandidatur für das Amt des sachsen-anhaltinischen Ministerpräsidenten hatten die führenden Frauen des BSW nach der Landtagswahl vom 06. 09. 2026 vorgeschlagen, einen unabhängigen, parteiübergreifenden Kandidaten zu suchen und zu finden. Gewissermaßen als Speerspitze einer modernen „Volksfront“ aus BSW, LINKE, SPD, GRÜNEN und CDU.
Ziel dabei ist, die Wahl des AFD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund ins Amt des Ministerpräsidenten zu verhindern, zugleich aber den AFD-Abgeordneten zu signalisieren, dass sie in einer, unter einem parteiübergreifenden Ministerpräsidenten geführten Regierung, herzlich willkommen seien.
Im sachsen-anhaltinischen Zentralorgan (überhaupt nicht despektierlich gemeint) „Volksstimme“ vom 09. 09. 2026, wird Claudia Wittig mit den Worten zitiert, „Wir haben immer gesagt, wir gehen in keine Koalition. Wir möchten, dass mit wechselnden Mehrheiten regiert wird.“
Ebenfalls am 09. 09. 2026, hatte die AFD ihre Briefe mit Einladungen zu Gesprächen mit allen anderen Parteien verschickt. Alle anderen Parteien – außer dem BSW – hatten sich bereits am Wahlabend klar geäußert, dass sie mit der AFD keine Sondierungsgespräche führen werden. „Alles ist möglich“ lautete der Wahlkampfslogan der AFD und im BSW ist man für alles offen.
Dazu Sarah Wagenknecht im ZDF-Interview am 07. 09. 2026, „Wir halten es immer noch für sinnvoll, dass wir mit den Parteien - und die Einladung gilt auch für die AfD - ins Gespräch kommen, für einen überparteilichen Ministerpräsidenten, der eben über Parteigrenzen hinaus respektiert wird, der auch wirklich für einen politischen Neubeginn steht.“
BSW-Kollegin Amir Mohamed Ali betont im MDR-Interview am 09. 09. 2026, dass ihrer Auffassung nach, „… keines der beiden Lager mit einer knappen Mehrheit in der Lage ist, die Regierung zu stellen. Denn es ist doch völlig klar: Die andere Seite des Parlaments und auch die Hälfte der Bevölkerung würde die Regierung ablehnen.“
Man müsse die Spaltung zwischen der AFD und den „Brandmauer-Parteien“ überwinden und „… rauskommen aus der immer tiefer werdenden gesellschaftlichen Spaltung. Deshalb schlagen wir als neues Modell einen überparteilichen Ministerpräsidenten oder eine Ministerpräsidentin vor. Die Person sollte allgemein anerkannt sein und Sachpolitik mit wechselnden Mehrheiten machen und dabei das ganze Parlament einbinden.“
Auch in den Reihen der GRÜNEN und der SPD äußerten sich mittlerweile wenige Stimmen, die gegenüber dem BSW-Vorschlag nicht abgeneigt sind. Die grüne Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz sagte am 08. 09. 2026 in der TAZ, „Das ist eine sehr ungewöhnliche Idee. Aber an uns würde das nicht scheitern. Wir sind gesprächsbereit.“ Es sei „… der letzte Strohhalm, wenn wir sowohl eine faschistische Regierung als auch eine Blockade im Land verhindern wollen.“
Auch der SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann wird z.B. auf t-online (08. 09. 2026) mit dem Worten zitiert, „… aber wenn es zur Auflösung einer Blockade führen könnte, sollte man es auch nicht a priori ablehnen".
Ob „Magdeburger Modell“, „Dritter Weg“ oder „überparteiliche Lösung“ - regiert werden würde das Land Sachsen-Anhalt dann mit einem solchen all-inclusive Paket aus einem Konsens-Regierungschef und seiner Ministerriege, die sich im täglichen Politikgeschäft ihre Mehrheiten unter allen Abgeordneten aller sechs Landtagsfraktionen immer wieder aufs Neue suchen müssten.
Höchst verwunderlich bleibt – inzwischen sind drei Wochen sind der Landtagswahl vergangen - dass das BSW bisher keine Person in Petto hat, die das postulierte Portfolio mit Leben füllen könnte. Bisher also nur viel Palaver in der Presse und in Postings, statt power to the people.
Der Vormarsch für’s Vaterland ist die „Mutter“ der Nationalisten
Zahlenwerte lügen nicht. Das Haseloff-Heimatland Sachsen-Anhalt ist der AFD (43,8 %) anheimgefallen. Bei den Landtagswahlen von 2024 bis 2026 ging die AFD in Thüringen (32,8 %), Sachsen (30,6 %), Brandenburg (29,2 %) und Mecklenburg-Vorpommern (38,2 %) als stärkste oder zweitstärkste Partei hervor. Auch in den westdeutschen Bundesländern – das wird zu wenig thematisiert – ist die rechtsextremistische AFD im Zuge der zurückliegenden drei Jahre deutlich auf dem Vormarsch. Baden-Württemberg (2016: 15,1 %, 2021: 9,7 %, 2026: 18,8 %), Berlin 2026, 16,3 %, Hessen 2023, 18,4 %, Bayern 2023, 14, 6 %, Rheinland-Pfalz 2026, 19,5 %.
Bisher von den Wählern kleingehalten (um und unter der 10 % Marke) ist die AFD in Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und im Saarland. In diesen Bundesländern stehen die nächsten Landtagswahlen für 2027 – 2030 an. Auf Bundesebene verdoppelte die AFD ihr Ergebnis 2025 (20,8 %) gegenüber 2021 mit 10,4 % (2017, 12,6 %) und steht in aktuellen Umfragen bei rund 28 %.
Terminiert man den Beginn der so genannten Moderne in Deutschland auf das Jahr 1900, so gelang es der NSDAP ab ihrer Gründung infolge Umstrukturierung und Umbenennung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) im Jahr 1920, binnen einer relativ kurzen Zeit (bis 1930 / 1932) stärkste Partei in der 1. Republik (Weimarer Republik) zu werden und dann letztendlich 1933 Regierungsmacht zu übernehmen. Gewissermaßen von Null auf Hundert in 13 Jahren.
Die AFD steht seit ihrer Gründung im Jahr 2013 bis heute im Jahr 2026 in der 2. Republik (Berliner Republik) ähnlich erfolgreich da – von Null zur Volkspartei in 13 Jahren.
Wahre Kerne in Worthülsen
Guido Westerwelle hatte seinerzeit oft und gerne den liberalen Journalisten, Politiker und früheren FDP-Generalsekretär, Karl-Hermann Flach (* 1929 - † 1973) zitiert, „Freiheit stirbt immer zentimeterweise.“ Dieses analytisch kluge Statement beschreibt genau, wo der „Hase im Pfeffer liegt“, der „Hund begraben ist“ und was „des Pudels Kern“ ist. Der schleichende Verlust durch kleine Schritte, durch zentimeter- oder häppchenweisen Verzicht.
Heute verzichtet man auf ein bisschen vom Ganzen, morgen wieder auf ein bisschen, übermorgen auf ein bisschen mehr und im Zuge der Zeit bisschen um bisschen. Jeder kleine, schrittweise Verzicht fällt nur ein bisschen schwer, ist ein relativ verkraftbarer Verlust und Schritt für Schritt eine noch verschmerzbare Einschränkung. Schaut man am Ende aller kleinen „nur ein bisschen“ Schritte dann zurück, stellt man in der Rückschau fest – uhps, das Ganze ist weg. Und jetzt tut es plötzlich weh. Jetzt geht man empört auf die Straße und ruft „Wehret den Anfängen!“. Zu spät – man schaut der Freiheit nur noch beim Sterben zu. Denn man hat jenen zu oft und zu lange geglaubt, die einem häppchenweise immer ein bisschen mehr „etwas vom Pferd erzählt“ haben.
Pferde sind biologisch-physiologisch nicht zur Emesis fähig – sprich, es ist ihnen unmöglich, aufgenommene Nahrung zu erbrechen. Doch mit der AFD, mit Ulrich Siegmund allen voran unter seinem Slogan „Alles ist möglich“, sehen wir infolge der Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt, nachdem das „Kind in den Brunnen gefallen ist“ – oh Wunder - „Pferde vor der Apotheke kotzen“.


