Es war klug, dass Friedrich Merz auf der 62. Münchner Sicherheitskonferenz als erster unter den Mächtigen das Wort ergriffen und den Tenor für das dreitägige Zusammentreffen von Staatschef*innen, Minister*innen, Diplomat*innen, NGO-Vertreter*innen und Medienvertreter*innen gesetzt hat.

Und nicht nur den Tenor, sondern auch das Thema in Zeiten, in denen seit allerspätestens Januar 2022 nahezu jede Woche „Zeitenwende“ zu herrschen scheint. Mit klaren analytischen und teilweise kritischen Anmerkungen - auch zur deutschen Außenpolitik seit 1989 / 1990 sowie zum aktuellen US-Regime - verstand es Friedrich Merz vor dem Hintergrund aktueller Konflikt-, Krisen- und ordnungspolitischer Transformations-Prozesse, das zu beschreiben und einzufordern, worum es im Kern geht und nahezu immer ging - um ein Werte-Korsett unter dem Kleid der Macht. Ja, Korsett, franz. corset, cors, Körper. Machtanspruch und Werteordnung gehören im Staatskörper untrennbar zusammen.

Die Frage dabei ist - welche Werte wollen wir mit aller verfügbaren Macht definieren, pflegen, aufrechterhalten und im Zweifelsfall der Bedrohung und des Angriffs verteidigen und nachhaltig sichern? Eben diese Fragen hat Friedrich Merz in seiner Auftaktrede in die internationale Runde geworfen und dabei zugleich - wenn auch mit noch etwas vagen Antworten - die deutsche Rolle als zentraler Mittelmacht im Zusammenspiel mit dem europäischen Unionsbündnis betont. Es wehte ein Hauch von deutscher Führungsrolle durch den Saal bei der Auftaktveranstaltung der Münchner Sicherheitskonferenz 2026.

Mit offenem Visier und auf der hierzulande so gerne beschworenen „Augenhöhe“ richtet sich Merz an die USA trumpscher Prägung und weißt deutlich darauf hin, dass man zumindest in Deutschland diversen MAGA-Werten nicht folgen bzw. sich diese als Korsett nicht anziehen werden wird und dennoch keine Feindschaft gegenüber den USA hegt. Weder in der NATO, noch im derzeit hart umkämpften Wirtschafts- und Handelssektor und auch nicht was die unter dem Begriff der Freiheit subsummierten Ideale und deren verfassungsrechtlich verbrieften Umsetzungen unter Demokraten betrifft.

Insbesondere Deutschland hätte sich in zurückliegenden Jahrzehnten zu oft und zu lange mahnend, fordernd und maßregelnd auf dem außenpolitischen Parkett präsentiert - „Normativen Überschuss“ nennt Merz dies – aber zu wenig aktive, handelnde und klare Kante in der weltpolitischen Wirklichkeit an den Tag gelegt. Doch keine Angst vor machtpolitischen Alleingängen.

„Großmachtpolitik in Europa ist für Deutschland keine Option“, betonte Merz unmissverständlich, jedoch, „… es wird nicht genügen, möglichst klug auf die Manöver und Launen der Großen zu reagieren. Deshalb setzen wir in dieser Zeit der Anfechtung unsere eigene Agenda. Wir besinnen uns auf uns selbst“ … „unsere Freiheit behaupten wir mit unseren Nachbarn, Verbündeten und Partnern“.

Vor gut zehn Jahren, am 30. 06. 2015, erwähnte Frank-Walter Steinmeier im Amt des deutschen Außenministers zu Beginn seiner Rede zum „60. Jahrestag des Beitritts Deutschlands zur NATO“ ein kolportiertes Zitat des ersten NATO-Generalsekretärs Hastings Lionel Ismay aus Großbritannien auf die Frage, was denn die Funktion der NATO sei? Ismays überlieferte Antwort: „To keep the Americans in, the Russians out and the Germans down“. Die NATO wurde 1949 gegründet, 1955 trat Deutschland bei – damals misstraute uns die Welt noch zurecht.

Ein weiteres Zitat aus dem Sommer 2010. „Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern.“

Horst Köhler im Amt des Bundespräsidenten nach seinem damaligen Afghanistan-Besuch während des Rückflugs am 18. 06. 2010 im Interview mit Christopher Ricke, Deutschlandfunk Kultur. Horst Köhler musste damals - wegen zu forscher Synchronisierung wirtschaftlicher und militärischer Interessen aus dem Munde eines deutschen Politikers - zurücktreten.

The times are a-changing - und die deutsche Rolle auch. Seit 2025 reden wir nach der Vance-Schock-Rede auf der 61. Münchner Sicherheitskonferenz mit plötzlich neuer Selbstverständlichkeit in Deutschland und Europa über die Sicherung von Freiheit, rechtstaatlicher Demokratie, Prosperität und Welthandel auch über die - im Fall des Falles einzubringenden und anzuwendenden - militär-strategischen Möglichkeiten zur Wohlstandswahrung.
Dem seitens Deutschland aus dem Kalten Krieg althergebrachten, außenpolitischen Konzept des „Wandel durch Annäherung“ und „Wandel durch Handel“ schwört Merz zwar nicht gänzlich ab, richtet aber den Fokus auf einen zukünftig nötigen Dreiklang (Developement, Diplomacy, Defense) aus wirtschaftlicher Stärke, globaler, interessengeleiteter Außen- und Entwicklungspolitik und militärischer Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und Europas im Rund der global player.  

 „Wir glauben nicht an Zölle und Protektionismus, sondern an freien Handel. An Klimaabkommen und Weltgesundheitsorganisation halten wir fest, weil wir überzeugt sind: Globale Aufgaben werden wir nur gemeinsam lösen.“

„Wir erwecken unsere Verteidigungsindustrie zu neuem Leben“ und machen die Bundeswehr „schnellstmöglich zur stärksten konventionellen Armee Europas…, die standhält, wenn sie muss“.

„Ich habe mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron Gespräche über europäische nukleare Abschreckung aufgenommen.“

„Wir besinnen uns auf uns selbst.“, bekundet Merz und mit dem „wir“ ist Europa gemeint. Die EU mit Deutschland mittendrin müsse ein „weltpolitischer Faktor“ werden. Denn die „… internationale Ordnung, die auf Rechten und Regeln ruhte, die gibt es so nicht mehr.“ Es sei die „… Schwelle in eine Zeit überschritten, die einmal mehr offen von Macht und Großmachtpolitik geprägt ist.“
Erneut betont er, „Großmachtpolitik in Europa ist für Deutschland keine Option. Partnerschaftliche Führung: ja. Hegemoniale Fantasien: nein.“
Und schließlich ruft er den Europäern zu, „Seht die Tragweite des Augenblicks. Bahnt auch ihr den Weg für ein starkes, souveränes Europa.“

Mit seiner Rede hat Friedrich Merz starke Ambitionen formuliert und mit neuem Selbstbewusstsein den Attacken des Trump-Regimes Paroli geboten. Kein Bruch gegenüber den amerikanischen Freunden, sondern eine konsequente Neu-Bewertung und Neu-Ausrichtung Deutschlands in und mit Europa im Rahmen der transatlantischen Beziehungen und Bündnisse.

Man kann dies einen Paradigmenwechsel nennen oder eine längst überfällige Emanzipation Deutschlands und Europas gegenüber den USA. Uncle Sam und Europa bleiben weiterhin brothers in arms, wenn es um die Verteidigung des Friedens in Freiheit und der gemeinsamen Werte geht. Doch auch in Washington wird man ab jetzt hinzulernen müssen – am Ende des I. Quartals des 21. Jahrhunderts ist etwas neu postuliertes weltweit im Angebot – the european way of life.

Wir werden sehen, wie viele follower mit positiver Sternchen-Bewertung diesen Weg zukünftig mitgehen.