Wählerwanderung zur AFD von ehemaligen CDU-Wählern (83.000) und ehemaligen FDP-Wählern (17.000) sowie mobilisierte Nicht-Wähler (170.000). Gemäß des AFD Kampagnen-Slogans „Alles ist möglich“ wurde das Ziel der absoluten Mehrheit zwar nur knapp verfehlt, aber die Option Ministerpräsident zu werden, Regierungsmacht zu erlangen und Sachsen-Anhalt in eine rechtsextremistisch geprägte Zukunft zu führen, bleibt für Ulrich Siegmund zum Greifen nah.
Sieg! Mund! So skandierten die AFD-Anhänger oft im Wahlkampf, wenn der gelernte Marketingpsychologe und Duftstoff-Experte Ulrich Siegmund ihnen von Bühnen auf Marktplätzen oder bei Simson-Fan-Treffen erläuterte, wie er mit der AFD für alle Sachsen-Anhaltiner „das Land zurückholen“ will. Auf Landes- und auf Bundesebene hatte die AFD den richtigen Riecher und am Ende die Nase weit vorn. First we take Magdeburg, then we take Berlin.
Von der Nase ins Gehirn
Schon um 1.200 v. Chr. beschäftigte man sich in Mesopotamien mit der Herstellung von Parfümen und Duftstoffen durch Destillationsverfahren, um dem menschlichen Körper Wohlgeruch zu verleihen und die Luft in den eigenen vier Wänden durch Raumdüfte aufzupeppen. Schon länger vermutet wurde in modernen Zeiten, dass der Geruchssinn und die Geruchsempfindungen nachhaltigen Einfluss auf menschliche Emotionen, Stimmungslagen und auch Aktivitäten haben mögen. Wissenschaftlich bewiesen wurde der komplexe Einfluss von Düften über neuronale Signale hinweg in das limbische System im Gehirn ab den 1990er Jahren. Die führenden Forschern Linda Buck und Richard Axel erhielten 2004 für ihre bahnbrechenden Arbeiten, bzw. die Entdeckung der olfaktorischen Rezeptor-Genfamilie, den Medizin-Nobelpreis.
Neurobiologisch nachgewiesen werden konnte, wie menschliche Emotionen, Triebe und daraus folgende Verhaltensweisen durch Düfte beeinflusst werden. Dieses archaische Trigger-Potential steckte schon immer in uns – vor knapp 30 Jahren wurde der Beweis erbracht.
Seit dem, spätestens zur Jahrtausendwende 2000 / 2001, war das Duft-Marketing geboren (wegen der neuronal-rezeptorischen Mechanismen gelegentlich auch Neuro-Marketing genannt). Das mit Musik alles besser geht und mit Käse überbacken alles besser schmeckt, wusste man in der Marketing- und Werbebranche schon länger – nun ließen sich Umsatzzahlen im Handel auch durch den Einsatz von Duftstoffen steigern, weil das Konsumverhalten olfaktorisch beeinflusst werden konnte. Doch nicht nur dies, sondern auch die Beeinflussung menschlicher Stimmungen im Sozialverhalten im allgemein so genannten öffentlichen Raum fallen in den Anwendungsbereich bei der Entfaltung von Duft-Welten. So auch für einen Mann, geboren im staatlich anerkannten Erholungsort Havelberg im Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt - Ulrich Siegmund.
Berlin is‘ dufte
Während seines Studiums an der Europäischen Fernhochschule Hamburg (2013 - 2016) zog es Ulrich Siegmund 2014 nach Berlin. Titel seiner späteren Abschlussarbeit: „Untersuchung von Duftmarketing, anhand des gewerblichen Einsatzes mit einer psychologischen Beeinflussung von Wohlfühlempfindungen und monetären Beeinflussungen des Kaufverhaltens.“
In der Hauptstadt startete er seine erste Duftnoten-Offensive, wie die BERLINER MORGENPOST (MOPO) vom 07. 10. 2014 vor 12 Jahren berichtete. Von us-amerikanischen Vorbildern davon inspiriert, in Supermärkten, Shopping Malls, Gastronomiebetrieben, Fitnessstudios, Automobilhäusern, Hotels u.ä.m. künstliche Düfte in den Verkaufsräumen zu versprühen, wollte Ulrich Siegmund die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die Berliner S-Bahn GmbH davon überzeugen, Beduftungsanlagen auf Bahnhöfen und deren Zugangsbereichen im öffentlichen Raum zu installieren.
„Wenn es gut riecht, fühlen wir uns einfach wohl …“ zitiert ihn die MOPO und weiter, „In New York werden besonders die stark frequentierten Bahnstationen dezent mit Vanille beduftet. Das senkt Aggressionen und schränkt die Auswirkungen von Vandalismus ein. Auch bei Verspätungen reagieren die Menschen messbar gelassener.“ Und gewissermaßen als Alleinstellungsmerkmal seiner Beduftungsinitiative hob er hervor, dass seine "Berlin Duftet" Kollektion auch „gendersensible Düfte“ beinhaltet. Erstaunlich für jemanden, der Ende 2014 AFD-Mitglied wurde, allein die binär-klassische Vater-Mutter-Kind-Familie hochleben lässt und doch eher einer „Anti-Gender-Politik“ das Wort reden müsste.
In der Tat werden in Städten der USA, in einigen europäischen Großstädten und auch sonst wo in der Welt öffentlich sensible Areale wie Bahnhöfe und z.B. auch Einkaufszentren dezent dosiert besprüht, um die Kauflaune zu steigern und menschliche Aggressions- und Stresspotentiale zu senken, abzumildern oder gar nicht erst eskalierend aufkommen zu lassen.
Die ÖPNV-Betriebe in Berlin erteilten Ulrich Siegmund damals nach diversen Gesprächen eine Abfuhr bezüglich seines flächendenkenden Pay-for-Spray Projekts. Zu teuer, zu ineffizient, zu fragwürdig hinsichtlich der gewünschten Wirkungen (gesundheitliche Bedenken, z.B. Allergiker), zu dünne wissenschaftliche Expertisen und außerdem hätte man derartige Maßnahmen früher schon testweise ausprobiert und wieder beerdigt. Eher ein Marketing-Gag, befand der Betriebsrat der S-Bahn damals. Mit den Berliner ÖPNV-Betrieben war kein Deal zu machen.
Der als „Jungunternehmer“ titulierte Ulrich Siegmund setzte sein Fernstudium (2013 - 2016) fort und bestritt seinen Broterwerb als ursprünglich gelernter Großhandelskaufmann vor seiner Mandatsausübung als AFD-Abgeordneter ab 2016 zunächst durch diverse Tätigkeiten. Laut Angaben in der Abgeordneten-Biografie des Landtages von Sachsen-Anhalt war er Vertriebsleiter im Großhandel (2011 - 2012), teilweise parallel von 2011 - 2024 Key-Account Manager in einer Berliner Augenklinik (da gibt es mehrere) und selbständiger Unternehmer „mit einer Firma im Bereich Marketing“ ab 2014, laut Angabe des Landtags von Sachsen Anhalt.
Der Kaufmann als Unternehmer
Dieses Marketing-Unternehmen ist die REIMA Vertriebsgesellschaft OHG, die von Ulrich Siegmund und seinem Kompagnon Martin U. im Spätsommer 2015 gegründet wurde. Ab dann – und nicht schon im Oktober 2014 – war der Großhandelskaufmann Siegmund klassischer Unternehmer.
Die REIMA OHG führte als Kontaktangabe eine E-Mail Adresse mit dem Domain-Part "xxxxx@berlin-duftet.xx“ sowie die URL „www.berlin-duftet.de“ (Quelle: North Data, Analyse-Dienst für öffentlich zugängliche Unternehmensdaten), wobei die Online-Präsenz heute ein „toter Link“ ist. Dieser seit zehn Jahren veraltete Eintrag sowie zwei weitere Facebook-Posts aus den Jahren 2017 und 2018 sind bisher die einzigen, spärlichen Nachweise bezüglich einer Tätigkeit im Bereich Duftmarketing mit der reinen Namensgebung "Berlin Duftet". Ein tatsächliches Unternehmen mit diesem Namen ist nicht nachweisbar.
Ebenfalls im Jahr 2015 gründete Martin U. die LAZAR Verwaltung UG und die LAZAR UG & Co. KG mit – neben ihm selbst – zwei weiteren Kommanditisten, die im Juni 2026 ausgeschieden sind. Einer von ihnen war der international bekannte bulgarische Bodybuilder und Fitness-Influencer Lazar Ivanov Angelov.
Die REIMA OHG wurde im Mai 2017 in die REIMA Vertriebsgesellschaft mbH & Co. KG umgewandelt. Nahezu zeitgleich im April 2017 gründeten Ulrich Siegmund und Martin U. die REIMA Beteiligung und Verwaltung GmbH. Die REIMA GmbH ist der haftende Komplementär in der REIMA GmbH & Co. KG, die bis dato besteht.
Ulrich Siegmund schied als Geschäftsführer und Kommanditist aus den zwei Unternehmen Ende Februar 2026 aus. REIMA GmbH: Registereintrag vom 24. 02 2026, „b) Nicht mehr Geschäftsführer: 1. Siegmund, Ulrich.“
REIMA GmbH & Co. KG: Registereintrag vom 24. 02. 2026, „c) Ausgeschieden: 1. Siegmund, Ulrich."
Seit Ende Februar 2026 führt Martin U. die Unternehmen alleine – zumindest ohne Ulrich Siegmund – weiter.
In diesem Zusammenhang sei klärend erwähnt, dass das tatsächlich am internationalen Markt seit rund 27 Jahren in Sachen „Duft-Marketing“ erfolgreich operierende und namentlich gleich lautende Unternehmen mit der Marke REIMA®, die REIMA® AirConcept GmbH in Meerane (Sachsen, Landkreis Zwickau), kein Unternehmensbestandteil der REIMA GmbH oder der REIMA GmbH & Co. KG ist. Und umgekehrt sind auch Siegmund und U. nicht an der REIMA® AirConcept GmbH beteiligt. Dennoch – man kennt sich seit längerer Zeit persönlich unter Kaufmännern.
Wandel durch Handeln
Nach dem Eintritt in die CDU (JU Ortsverband Tangermünde) Ende 2008, gerade volljährig geworden, engagierte sich Ulrich Siegmund (gemäß ZEIT vom 26. 06. 2026) anfangs recht ambitioniert und strebte einen Vorstandsposten an, scheiterte jedoch am Widerstand langjähriger Parteimitglieder und verlor alsbald Interesse an der politischen Arbeit. Angeblich war die Parteiarbeit zu zäh hinsichtlich seiner Karriere-Vorstellungen im politischen Geschäft und so entfernte er sich über die Jahre zunehmend ideologisch-inhaltlich von der CDU. Vorwiegend wegen der Euro-Rettungspolitik der Regierung unter Angela Merkel, wie er selbst bekundete (Interview-Video WELTWOCHE vom 13. 08. 2026 auf Facebook).
Nach rund 6 Jahren CDU-Zugehörigkeit trat er 2014 im Alter von 24 Jahren in die AFD ein. Dort gehört er – hier haben sich seine politischen Karrierevorstellungen recht schnell verwirklicht - seit 2016 dem Landesvorstand der AFD Sachsen-Anhalt an und ist seit der Landtagswahl 2016 AFD-Landtagsabgeordneter. Die AFD in Sachsen-Anhalt wurde 2023 vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft.
Politisch wie wirtschaftlich war der Jahreswechsel 2014 / 2015 für Ulrich Siegmund eine bedeutende Zäsur in seinem Leben. Im Lichte der Öffentlichkeit eröffneten sich ihm zunehmend mehr Möglichkeiten in der Politik und im Beruf. Und seit dem er sich an die Öffentlichkeit wendet, wendet sich diese auch an ihn. Sein politischer Duft hinterlässt Spuren über die Nasen in den Hirnen der Menschen und löst dort neurobiologische Signale aus, die wiederum zu Handlungen führen. Die einen sind alle Nase lang von Ulrich Siegmund betört und wählen ihn und seine Partei, die anderen wenden sich wegen ihres besser ausgeprägten Geruchssinns von ihm ab. Und dennoch wirkt sein rechtsextremistischer Botenstoff mehr und mehr verführerisch in viele Richtungen.
Vor rund 13 Jahren galt die AFD noch als Nischen-Duftnote für Liebhaber einer Anti-Euro- und Wirtschaftspolitik. Allerspätestens ab 2024 heißt es in Deutschland nicht nur olfaktorisch als Antwort auf die Frage: Mmmhh, wie gut Du duftest. Mit Lenor gewaschen? Nein, mit AFD besprüht! Das trägt man heutzutage so. Zumindest östlich und westlich der Elbe und neuerdings auch am Neckar.
Lesen sie ab Mitte November 2026 weiter „Der „Fragrance Freak“ · Teil 02“ >


